In Kassel kippt der Herkules vom Sockel

ApokalypseDenn hier findet die Ober-Apokalypse statt, die sich Marie-Christin Spitznagel hat einfallen lassen. Vier Kassler Mädchen aus dem beschaulichen Nordhessen und ein leicht trottliger von der Weiblichkeit verlassener Prophet aus demselben Städtchen werden von ein paar durchgeknallten Engeln und Dämonen für die Apokalypse ausgesucht.

Die Kombination verspricht Spannung und Action – und die Autorin hält das Versprechen. Modern, surreal, knallig, bunt, bizarr, urkomisch – alles das trifft auf diesen Roman zu. Nach einem sehr ausgiebigen Vorstellen der Protagonisten nimmt die Geschichte schnell Fahrt auf – jedes neue Kapitel kommt mit einer neuen Absurdität, mit frech-fröhlich-flüssigen Dialogen, mit Action und ausgefallenen Ideen.
Es wäre viel zu schade, wenn ich hier mehr vom Inhalt verrate – denn ich würde Euch um ein wirkliches Lesevergnügen bringen.

Irgendwann in der Mitte des Buches dachte ich: Ich bin mal gespannt, wie sie diese Verquickung und Verschachtelung auflöst. Lunsen wollte ich auch nicht.  Und ich habe bis zum Ende warten müssen, bis endlich jede Unklarheit beseitigt war. Spannung bis zuletzt. Und dann noch einen Cliffhanger! Gibt es eine Fortsetzung, Marie-Christin?

So modern und ansprechend wie Titel und Layout, ist auch das Buch. Marie-Christin Spitznagels Stil ist einfach. Keine komplizierten Sachverhalte. Keine komplizierten Sätze. Keine komplizierten Ausdrücke. Derb und herb oder rein und fein. Wofür sie sich auch entscheidet, sie macht es mit Konsequenz und passend zum Charakter oder der jeweiligen Situation. Ob es um Liebschaften geht – jawohl, selbst bei anstehender Apokalyse verlieben sich noch Menschen, naja, manchmal auch andere Wesen, von denen man es gar nicht vermutet – oder ob es um einen kräftigen Showdown geht mit Blut, Gewalt und viel Beschwörungen.

In diesem Roman ist alles zu finden. Engel, denen die Glorien abhanden kommen, Höllenfürsten, die sich …. aber jetzt erzähle ich doch schon wieder zuviel.

Selbst lesen ist angeraten!

Marie-Christin ist Selbstpublisher. Kompliment! Ihr findet das Buch daher in den gängigen Internet-Shops. Ich selbst habe bei Amazon geguckt:  Der Link zum Buch

 

 

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IPHIGENIE UND BIG PHARMA

opfern-a5Helga Brehr, bekannt unter anderem auch den Freunden des Griechisch-Deutschen Lesefestivals, hat diese Novelle geschrieben und erneut ihrer Liebe zum alten griechischen Drama Ausruck verliehen. Wie wäre es wohl, wenn ein Vater heute seine Tochter auf dem Altar der Pharmakologie opfern soll, wenn der Probant nicht mehr der –für einen eventuell lebenslangen Schaden – schlechtbezahlte Junkie oder Obdachlose um die Ecke ist, sondern das eigene Fleisch und Blut.

Euripides hat das Beispiel von Iphigenie erzählt, Helga Brehrs Heldin heißt Irene, schwer verliebt in einen Marketingchef, dem sie unbedingt ihren Mut und ihre Entschlossenheit beweisen will. Wild und genauso entschlossen versucht die Mutter, die Schandtat, das Opfer am Mittag, zu verhindern.

Mit leisen, aber spannungsvollen Worten erzählt die Autorin die antike Geschichte aus dem Hause der Mykäner neu. In der heutigen Zeit ist der Tempel der Artemis ein Unternehmen für Impfstoffe, geopfert wird für den Krieg mit der Nadel auf dem Altar des skrupellosen Kapitalismus einer Industrie, die in der heutigen Zeit eine der größten und einflußreichsten ist.

Wie in der Antike die Göttin Artemis, so hat auch der Gott der Spritzen ein Einsehen mit der so tapferen Protagonistin. Anders als Euripides, bleibt es bei Helga nicht bei einem Opfer. Sie macht deutlich, dass die Pharma ihren Preis verlangt. Verschont es auch die eigenen Kinder, so siechen doch vier unbekannte Testpersonen vor sich hin. Wie im richtigen Leben. Von daher wurde das antike moralische Dilemma modern industriefreundlich gelöst: es glauben immer welche dran.

Auch diese Novelle, wie schon die vorhergehende „Ödipa“ ist ein leicht zu lesender und zu verstehender Stoff. Die Charaktäre sind herausgearbeitet, erkennbar und lebensecht. Der moralische Konflikt einer, der uns heute alle angeht. Nicht nur, wenn es um Pharma geht, sondern auch bei vielen anderen Themen: wieviel erlauben wir? Ab wann beginnen wir, unsere Kinder auf dem Altar der Wissenschaft und des Kapitals zu opfern… – ein Buch, das zum Nachdenken anregt. Nicht, weil es so intellektuell ist, sondern weil es so lebensnah und emotional ist.

Meine Empfehlung:  lesen! Erhältlich im lokalen Buchhandel oder hier (mit Leseprobe): http://groessenwahn-verlag.de/verlagsprogramm/opfern-am-mittag/

 

Surreal und bizzarr – vom Feinsten – Angriff der Maismenschen

Mais

Der Mais – kurz bevor er zum Maisbaum mutiert. Wirkt er nicht jetzt schon bedrohlichst?

Eine Dystopische Novelle hat man mir auf der letzten Leipziger Buchmesse in die Hand gedrückt. Und für sowas habe ich einen Faible.  „Finger weg von Männern. Die sind gefährlich!“ hat mir der Autor als Widmung ins Buch geschrieben.

Dieser Mais ist wirklich kein Zartgemüse aus der Dose. Puh! Wow! – Abgesehen einmal davon, dass man schnell mitkriegt, dass das Hauptthema des Buches Genmanipulationen an Nutzpflanzen ist, war das erste Drittel doch ganz schön böse … wenn Männern mit Männer und das bacchialisch brutal. Das muss Frog erstmal schlucken.  Aber der Autor hatte ein Einsehen. Nach “Schock und Au” beendet er das erste Kapital mit einem schwarz-weissen Blick ins Maisfeld. In den nächsten Kapiteln geht es dann weniger um die sexuellen Details der Auswüchse dieser genetischen Vergiftung  – deshalb wird es aber nicht minder surreal.

Es kommt, wie es kommen muss. Nachdem die Männlichkeit über Jahre hinaus dem tödlich  wuchernden Trieb der Maismänner keinen Einhalt gebieten kann, treibt es die Damen auf den Plan. Die noch nicht maisgenetisch Befallenen halten diese nunmehr in Reservaten, und ansonsten versuchen sie den PMG63B verseuchten Teil des Planeten wieder in den Griff zu kriegen. Mit Betäubungsgewehren erlegen sie die noch verwendbaren Exemplare männlichen Geschlechtstriebs, und tragen sie aus den Mais-Gefahrenzonen bis …. Bizarr? Es kommt noch besser. Aber das lest dann doch selbst, denn sonst verrate ich zuviel von der Novelle.

Der Einband des Taschenbuches ist etwas seltsam. Vorne drauf schwebt ein nackter Mann auf einem M  in einem hellblauen Strahlenkranz – sieht aus wie ein gefallener Engel von einem Gemälde von Annadazumals – so ganz unmaisisch. Also gekauft hätte ich das Buch mit diesem Cover nicht, ehrlich gesagt. Trotz des Titels, der wiederum ansprechend ist.

Innendrin ist es im lange Längen besser als das was das Cover verspricht. Autor Thomas Pregel schöpft aus dem Vollen seiner Sprachgewalt. Nuancierte Formulierungen, hart wo nötig und fein zurückhaltend wenn erforderlich.  Alles in allem: Ich habe es mit Wonne genossen und in einem Rutsch durchgelesen  –  trotz Umschlags.

  • Taschenbuch: lesenswerte 134 Seiten
  • Verlag: Größenwahn Verlag (1 Mar 2018)
  • Autor: Thomas Pregel
  • Titel: Angriff der Maismenschen
  • ISBN-10: 3957712084
  • Preis: durchaus akzeptable 9,90 Euro

 

 

ICH STEH IM REGEN… Das Wetter und andere Kapriolen

001 SchluepferJuli. Griechenland, genauer gesagt, dort wo vor uralten Zeiten Nestor seinen Palast hatte. Genau, das war der, der fast überall dabei war, von Troja bis zur Kalydonischen Jagd.

Erholt von einem energie- und ereignisreichen Ausflug in die Stadt, wo Milch und Honig fliessen (Meligala), stand ich in freudiger Erwartung des Busses Kalamata-Patra an der Nationalstrasse. Der Himmel strahlte, mein Gemüt ebenfalls und alles in allem schien es ein guter Morgen  zu werden. Die Hitzewelle, die in den vergangenen drei Tagen das Land in gedämpfter Sauna umfangen hielt, hatte sich gelegt und ein netter Bergwind strich übers Land, leicht wohlig kühlend.

Plötzlich Tropfen. Kleine versprenkelte, beinahe nicht wahrzunehmen. “Hah,”lacht meine Freundin. “Ein kleines Wunder gefällig? Hier ist es. Der Himmel ist blau und es regnet.” Gut, da hinten am äussersten Horizont ein paar schon leicht angedunkelte Wolken, aber ansonsten strahlte der Himmel mit der Sonne um die Wette. Und schon war auch dieser Mini-Niesel wieder verschwunden.

Es waren wohl noch ungefähr 10 Minuten Wartezeit, als sich der Horizont wie eine dunkle Decke über uns schon. Woher er so plötzlich gekommen war, vermochte keiner zu sagen. Quasi von einer Minute zur nächsten … und was er alles mitbrachte. Der Bergwind streichelte nicht mehr, sondern zog gewaltig an den Hosenbeinen, wirbelte die Haare durcheinander, blies die Jacke vom wartenden Rucksack und knirschte in den Pinien, die uns zuvor noch gnädig Schatten gespendet hatten.

Ein paar grosse Platscher platterten hernieder, noch ein paar und noch ein paar. Schon war der Asphalt dunkel. Ein Blick nach oben, Jacke gegriffen und über den Kopf gezogen, ein Sprung noch tiefer in die Pinien und die Gewalt eines Regensturms ergoss sich blitzend und donnernd über uns. Der Regen kübelte vom Himmel in Tropfen, die  – ich schwöre – die Grösse von Kuhfladen hatten. Ich jedenfalls war innerhalb einer Minute durchgeweicht bis auf die Knochen. Und der Bus war noch immer nicht da.

“Nach Gottseidank erwischt uns der Regen von hinten,” meinte meine Freundin. Ich konnte die Bemerkung nicht komplett einordnen. Nach meinem Ermessen war der Regen von hinten so nass wie von vorne. Und vor allen Dingen gehörte ein solcher Guss keineswegs im Sommer nach Griechenland und schon gar nicht in meine Urlaubszeit.

Irgendwann – man hatte die Hoffnung schon fast aufgegeben -war die Hupe des Busses zu vernehmen, Zurückspringen zum Strassenrand. Winken – nicht dass er vorbeifährt. Der Fahrer öffnet die Vordertür und den Gepäckraum. Schnell den Koffer hineinwerfen und dann ab in den Bus. Zum Verabschieden keine Zeit mehr, ein Tschüss und … ich rufe heute abend an.

Dreissig oder fünfzig Gesichter auf gereckten Hälsen betrachten die eingestiegene nasse Katze mit grinsender Neugier. Gut, dass es uns nicht getroffen hat, ist auf jedem einzelnen zu lesen. Selbst der Fahrer schaut keineswegs ergriffen, als er die zwanzig Euronen kassiert, während er schon wieder anrollt.

“Sie wollen doch nicht etwa sitzen?”, fragte eine Dame ganz und gar nicht mitleidig. Neben ihr ist  frei und sie fühlt schon, wie die Nässe auch zu ihr kriecht.  Nein – ich wollte die nächsten drei  Stunden stehen, dachte ich leise. Es war allerdings wirklich so, dass ich in diesem Zustand schlecht so lange im eisgekühlten Bus sitzen konnte.

Also durchlaufen, dorthin, wo sich der mittlere Einstieg in den Bus befindet. Dort gehen ein paar Stufen von der Stuhlhöhe nach unten. Toilettenräume habe griechische Überlandbusse nicht. Man fragt den Fahrer, wenn man mal muss. Aber die tieferliegenden Stufen bieten vielleicht etwas Sichtschutz beim Umkleiden.

Interessiert schaut ein Mittzwanziger ungeniert, was ich dort wohl vorhabe. Er sitzt dem Eingang genau gegenüber und hat somit direkte Sicht aufs Mittelmeer ohne Alpen. Na gut, junger Mann. Wenn es Ihnen denn Spass macht, einer knackigen 60-jährigen beim Strippen zuzuschauen – so sei Ihnen der Anblick gegönnt.

Glücklicherweise trage ich seit ein paar Jahren auf Grund der zugenommenen Körperfülle vorzugsweise – und gerade im Sommer – Kleider, die Grossraumzelten nicht unähnlich sind. Perfekt für das Umkleiden in einem vollbesetzten Bus. Siehste, junger Mann, und das Umziehen vom Strand her gewöhnt, kann ich das, ohne dass Du einen Blick auf auch nur das kleinste Teil werfen kannst, was nicht zur Zurschaustellung bestimmt ist.

Ich war gerade dabei, zur Seitenwand hingedreht, das Kleid anzuheben, um den Schlüpfer vor dem jugendlichen Blick verborgen nach oben zu ziehen, als der Bus abrupt auf offener Strecke zum Stehen kommt und  die Tür noch vor dem Halt offen schwingt. Draussen steht der Schaffner. Jawohl, in Griechenland habe Busse Schaffner, die irgendwo mitten auf dem Weg hinzusteigen, die Fahrkarten kontrollieren und dann genauso schnell auch wieder aussteigen, um auf den nächsten Bus zu warten und ihre Aufgabe fortzusetzen.

Dieser Schaffner also draussen, ich drinnen. Wir schauen uns an. Ich ihm ins Gesicht. Er mir … ich will es nicht wissen. Jetzt kann ich den Schlüpper auch ganz hochziehen, oder?

Das Schweigen der Bücher: Zensiert!

Leftah2Als bestes Buch erhielt Der letzte Kampf des Kapitän Ni’Mat von Mohamed Leftah den Mamounia-Literatupreis 2011und steht doch gerade in Marokko auf dem Index. Zensiert vom Ministerium für Kommunikation. Was steht in diesem Buch, dass Marokko es nicht lesen soll?

Kurz gesagt, erzählt Mohamed Leftah die Geschichte eines rebellischen Hauptmanns, der die langen Tage nach dem aktiven Dienst zusammen mit seinen ehemaligen Mitstreitern aus Armee-Zeiten im exklusivsten Schwimmclub für reiche aber gelangweilte Rentner verbringt. Er war schon immer von revolutionären Gedanken beseelt, interessierte sich für Literatur, war dem Marxismus/Kommunismus gegenüber nicht verschlossen und kämpfte für die Gleichstellung der Frau in der arabischen Welt. Er schied früh aus dem Militärdienst aus, heiratete und verbrachte seitdem scheinbar glückliche Ehejahre in Kairos Nobelviertel Maadi. Bis eben zu jenen Schimmbadtagen, als  Ni’mat eine nie zuvor dagewesen geglaubte innere Regung entdeckt, das Gefühl der Liebe für den homosexuellen Sex mit einem jungen nubischen Diener. Fatal in der Welt, in der er lebt. Noch fataler, dass er sich am Ende dazu bekennt und seine langjährige Ehefrau verlässt.

Ich habe das Buch, das zuerst in französischer Sprache erschienen ist, in holländisch gelesen – obgleich das nun nicht meine Muttersprache ist und ich dadurch beim Lesen auch so manche Nuance misse, war ich vom Stil und den Beschreibungen Leftahs angetan. Einfühlsam und doch direkt, zögerlich und doch treibend. Selbst als Frau werde ich mitgezogen in diesen Strudel der Gefühle. So fremd sie mir sind, kann ich doch verstehen, wieso Kapitän Ni’Mat tut, wonach ihn sein Sehnen treibt. Ich wünsche es ihm sogar. Ich wünsche ihm, dass ihm mehr Verständnis von Seiten der anderen entgegengebracht wird – und ich leide mit ihm, dass er die verletzt, verletzen muss, die er  aus tiefstem Herzen liebt.

Mohamed Leftah hat durchaus ein Kontroversum mit seinem posthum veröffentlichten Buch geschaffen. Nach seiner Freigabe im Januar 2011 erhieltes eine weitgehend positive Resonanz, trotzdem wurde seine Verbreitung lokal unmöglich gemacht. Die arabischsprachige Zeitung Achourouk sprach Kommunikationsminister Khalid Naciri auf das Geheimnis der Abwesenheit des Leftah Buches in marokkanischen Buchhandlungen an. Seinerzeit lautete die Antwort wohl: „Haben Sie nichts Besseres zu tun? Ich behandle große Angelegenheiten der Nation, keine “tafahate” (Trivia, ed).” (1) Inzwischen wurde vom Ministerium ein Dementi bezüglich Zensuren veröffentlicht, allerdings ohne das Buch Leftahs dabei zu erwähnen. „Die Antwort auf die Nicht-Verbreitung dieses Romans in Marokko ist mit dem Markt zu erklären“, sagt eine „Quelle in der Regierung“. Von vielen Schriftstellern – national wie international – wurde und wird noch heute dazu aufgerufen, dieses Buch vom Index zu nehmen.

Das Buch ist unbedingt lesenswert. Nicht nur, weil es uns einen Einblick in ein Leben in fremden Ländern verschafft, den wir sonst so nie erfahren würden. Nicht nur, weil es zensiert wurde und man damit ja schon fast an verbotenen Früchten nascht. Sondern, weil es ein literarisches Werk ist, das uns, unser Gefühlsleben, unser Verständnis und unseren Verstand bereichert. Bis jetzt ist es das einzige Buch, was ich von Leftah kenne – die anderen sind leider alle nur in französisch zu finden, einer Sprache, der ich nicht mächtig bin. Aber vielleicht kommt da noch was…

Laura-Victoria Skipis hat jedenfalls Der letzte Kampf des Kapitän Ni’Mat jetzt ins Deutsche übersetzt und es kommt am 4. Oktober 2017 auf den Markt. Ich freue mich darauf, es in meiner Muttersprache noch einmal zu lesen.

 

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Mohamed Leftah, geboren 1946 in Settat/Marokko verbrachte die letzten zehn Jahre vor seinem Tod im Jahre 2008 in Ägypten. Er schrieb insgesamt 10 Novellen und arbeitete für den Martin du Sahara und Temps du Maroc. Er schrieb auf französisch.

(1) https://www.yabiladi.com/articles/details/7444/censure-dernier-combat-mohamed-leftah.html – 12/7/2017

Rechts oder Links – das ist hier die Frage

Ich bin eine Katze. Ein schwarze Orakelkatze, um genau zu sein. Rabenschwarz von den Ohrspitzen bis zu den Krallen. Wie bedeutsam ich sein kann, stellt ihr spätestens fest, wenn ich Euch über den Wege laufe. Und zwar quer diametral, im 90 Grad Winkel zu Eurer eigenen Laufrichtigung. Sprich, ich komme entweder von radikal links oder von radikal rechts , und damit kündige ich an, ob Euch in der nächsten Zeit Schlechtes widerfährt oder nicht.
Von rechts nach links, gelingt’s
Von links nach rechts, bringt’s Schlechts.

So sagt der Volksmund. Und schon so manches Persönchen, vor dem ich grienend den Weg kreuzte, schlug sich schnell selbst ein Kreuz vor der Brust, wenn ich von rechts kam. Umgekehrt konnte jemand genauso kätzisch grinsen wie ich, wenn ich ihm von links bedeutete, dass die Zukunft wohl nicht so schwarz aussieht wie ich. Manche warfen mir in solchen Situationen glatt ein Küsschen hinterher.

Und jetzt sitze ich hier, mitten auf der Strasse. Auf dem weissen Mittelstrich. Eine schwarz auf weisse Strichkatze, die sich nicht mehr traut, den Asphalt vollends zu überqueren, weder nach rechts noch nach links.

1280px-A_Black_CatWieso, fragt Ihr? Na, wegen der Tatsache, dass anscheinend heutzutage niemand mehr weiss, was genau rechts und was genau links ist. Noch vor wenigen Jahren – wir Katzen haben zwar neun Leben, aber mehr als so rund um die 14 kommen als Summe doch nicht heraus – also während meiner ersten Lebensjahre war das alles ganz klar. Links war links. Rechts war rechts. Inzwischen ist das ganze dialektisch geworden, hat sich der Relativitätstheorie unterworfen oder ist schlichtweg kafkaesk desinformativ. Da kennt sich keine Katze mehr aus.

Noch vor wenigen Jahren gab es Assoziationspärchen. Also wie zum Beispiel “links ist sozial” oder “rechts ist national”. Stimmt irgendwie nicht mehr. Gar nichts stimmt mehr.

Vorhin habe ich den neoliberalen Kater hier in der Mondscheinalle getroffen, der mir zu meinem grössten Staunen erklärte, dass es linksnational gibt. Meine Vermutung, dass dann wohl rechtsliberal auch nicht abwegig ist, konnte er allerdings nicht bestätigen, meinte aber, das sei sicher relativ. Es käme darauf an, aus welcher Perspektive man es betrachte und es verhielte sich anders, je nachdem, wer es ansehe.  Echt quantenmässig sei das mit dem links und rechts inzwischen, meinte er.  Da hätte es sogar Fälle gegeben, wo etwas gestern ultrarechts gewesen wäre und heute linksradikal. Relativ eben. Ansichtssache und freibleibend nach Charta und Gusto interpretierbar.

Meiner eigenen bescheidenen Meinung nach – und das sagte ich dem organgeroten Neolib auch – müsste sich das dann ja irgendwie ausbalancieren. Da hatte ich was gesagt! Uijuijui. Ist der über mich hergefallen. Hier, den Riss am Ohr habe ich davongetragen. Ich habe mich aber gewehrt und ihm kräftig mit der der linken und der rechten Pfote eine Schmarre auf die Stirn gezogen. Und dann habe ich die Hinterpfoten in die Vorderpfoten genommen. Direkt vom Bürgersteig der Diskussionen auf den Asphalt.

So bin ich hier gelandet. Auf dem weissen Strassenstrich. Ich habe es gerade so noch geschafft. Beinahe hätte mich so ein rechtsausserrirdisches Movement plattgewalzt. Dem konnte ich gerade noch  entwischen. Die Schwanzspitze hat es allerdings zerrupft. Sie schmerzt noch ein wenig, aber glücklicherweise ist er noch dran. Nur auf den Bürgersteig auf der anderen Seite komme ich jetzt nicht mehr. Dort gurgelt nämlich die neoliberale Kapitalflut, die mich kleine Allerweltskatze glatt absaufen lässt und auch noch dabei zusieht.

Nein, halt, Moment! – gerade ändert es sich! Kommando zurück. Alles umgedreht. Schaut doch: Die Kapitalflut dreht ab und fliesst in die umgekehrte Richtung und – Oh Bastet, Göttin aller Katzen! – die  Bewegung hat ebenfalls kehrt gemacht und marschiert andersherum, Kinder, Kinder! – das darf doch wohl nicht wahr sein. Die werden ja mitten auf der Mitte, am Strich, am weissen Strassenstrich, aufeinanderprallen. Das kann ja heiter werden, wenn die jetzt anfangen darüber zu streiten, wer wohl  rechter oder linker ist oder sozialer, liberaler oder nationaler. Seht ihr, sie schreien schon. Wer erst raus wollte, will jetzt drin bleiben. Wer früher bleiben wollte, will jetzt raus. Was früher alle wollten, will jetzt keiner. Oder doch. Halt, die links wollen doch. – Irrtum. Eben nicht. Missverständnis, brüllen sie, Niemand hätte das gesagt. Überhaupt hätte niemand gesagt, was gesagt worden ist. Und wenn, dann wäre es meinungsmanipulativ genau umgekehrt gewesen. Da kenne sich einer aus. Wahrlich Zustände auf dem Asphalt aller Nationen sind das. Da kann doch keine Katze mehr orakeln.

Möge uns Bastet beschützen. Die Strassenstrich-Fehde wird ihren Lauf nehmen – ach, was sage ich. Es wird eine wahrliche Strassenstrich-Schlacht werden. Und da sitze ich. Mittendrin. Die Katze in der Mausefalle.

Es trifft immer die Kleinen. Katzen.

 

Photo: wiki-commons. Copyright (C) 2000,2001,2002 Free Software Foundation, Inc.51 Franklin St, Fifth Floor, Boston, MA 02110-1301 USA. Everyone is permitted to copy and distribute verbatim copies of this license document, but changing it is not allowed. Artist: Nino Barbieri, April 2006, Un gatto nero.

Werden Sie ebenso glücklich und froh …

vougar MärchenSie faszinieren, denn sie erinnern an 1001 Nacht und sind doch anders. Sie werden nicht von Scheherazade erzählt, sondern von Vougar Aslanov, einem Schriftsteller, der sich schon seit langer Zeit dafür einsetzt, sein Land und seine Kultur in Deutschland bekannt zu machen.

Asbaidschan – das Land des Feuers. Im kaspischen Kaukasus, das schon seit Jahrhunderten für seine Öl- und Gasvorräte bekannt ist.  Ehemals Teil der Sowjetunion, denkt man eher an Moskau, wenn man seinen Namen hört und wenig daran, dass dieses Land auf eine Jahrtausende alte Geschichte zurückblickt, bis hinein ins alte Reich der Perser.

Vougar Aslanov hat seine Märchen neu geschrieben – unter Verwendung alter und bestehender Figuren, die in der Volksseele ein lange Tradition haben: Der Schah, der Bettler, der Schlangenkönig, der Wesir, König Alexander der Große – aber auch schöne Frauen, unglückliche Prinzessinnen und lachende Fische. Jedes von Vougars Märchen hat seine ganz eigene Moral, seinen eigenen Humor und seine eigenen Werte. Und alle sind in diesen besonderen Stil gekleidet, der uns orientalisch geheimnisvoll, mit wohlklingender Schönheit tief in uns auf eine ganz besondere Art und Weise berührt.

Egal, ob Vougar märchenhaft die Frage beantwortet, wer denn wohl im Endeffekt das Haus baut oder den wandernden Schah und seine Erlebnisse beschreibt, immer wieder sind es unerwartete Wendungen, die seine Märchen nehmen und dem verblüfften Leser so manche Klugheit vor Augen führen. Märchen, die zum Nachdenken anregen. – Und dann plötzlich ist uns das Thema doch gar nicht mehr so fremd.

Die Zeiten ändern sich, heißt einer der Titel, um am Schluss festzustellen: werden Sie ebenso glücklich und froh, machen Sie sich keine Sorgen, die guten Zeiten kommen immer wieder.

Märchen ändern sich nie – sie sind und bleiben ein Bestandteil der menschlichen Seele und sind nicht nur mit Worten fassbR.  Die wunderbaren Illustrationen von Vyusal Rai, mit denen dieses Buch jede einzelne Geschichte auch noch im Bild dastellt, sind nicht nur ein Genuss für das Auge, sondern helfen uns einzutauchen in die Märchenwelt von Vougar Aslanov, Märchen, die einem leicht ums Herz werden lassen … lesen Sie und werden Sie ebenso glücklich und froh…