Rechts oder Links – das ist hier die Frage

Ich bin eine Katze. Ein schwarze Orakelkatze, um genau zu sein. Rabenschwarz von den Ohrspitzen bis zu den Krallen. Wie bedeutsam ich sein kann, stellt ihr spätestens fest, wenn ich Euch über den Wege laufe. Und zwar quer diametral, im 90 Grad Winkel zu Eurer eigenen Laufrichtigung. Sprich, ich komme entweder von radikal links oder von radikal rechts , und damit kündige ich an, ob Euch in der nächsten Zeit Schlechtes widerfährt oder nicht.
Von rechts nach links, gelingt’s
Von links nach rechts, bringt’s Schlechts.

So sagt der Volksmund. Und schon so manches Persönchen, vor dem ich grienend den Weg kreuzte, schlug sich schnell selbst ein Kreuz vor der Brust, wenn ich von rechts kam. Umgekehrt konnte jemand genauso kätzisch grinsen wie ich, wenn ich ihm von links bedeutete, dass die Zukunft wohl nicht so schwarz aussieht wie ich. Manche warfen mir in solchen Situationen glatt ein Küsschen hinterher.

Und jetzt sitze ich hier, mitten auf der Strasse Lutetias. Auf dem weissen Mittelstrich. Eine schwarz auf weisse Strichkatze, die sich nicht mehr traut, den Asphalt vollends zu überqueren, weder nach rechts noch nach links.

1280px-A_Black_CatWieso, fragt Ihr? Na, wegen der Tatsache, dass anscheinend heutzutage niemand mehr weiss, was genau rechts und was genau links ist. Noch vor wenigen Jahren – wir Katzen haben zwar neun Leben, aber mehr als so rund um die 14 kommen als Summe doch nicht heraus – also während meiner ersten Lebensjahre war das alles ganz klar. Links war links. Rechts war rechts. Inzwischen ist das ganze dialektisch geworden, hat sich der Relativitätstheorie unterworfen oder ist schlichtweg kafkaesk desinformativ. Da kennt sich keine Katze mehr aus.

Noch vor wenigen Jahren gab es Assoziationspärchen. Also wie zum Beispiel “links ist sozial” oder “rechts ist national”. Stimmt irgendwie nicht mehr. Gar nichts stimmt mehr.

Vorhin habe ich den neoliberalen Kater hier in der Mondscheinalle getroffen, der mir zu meinem grössten Staunen erklärte, dass es linksnational gibt. Meine Vermutung, dass dann wohl rechtsliberal auch nicht abwegig ist, konnte er allerdings nicht bestätigen, meinte aber, das sei sicher relativ. Es käme darauf an, aus welcher Perspektive man es betrachte und es verhielte sich anders, je nachdem, wer es ansehe.  Echt quantenmässig sei das mit dem links und rechts inzwischen, meinte er.  Da hätte es sogar Fälle gegeben, wo etwas gestern ultrarechts gewesen wäre und heute linksradikal. Relativ eben. Ansichtssache und freibleibend nach Charta und Gusto interpretierbar.

Meiner eigenen bescheidenen Meinung nach – und das sagte ich dem organgeroten Neolib auch – müsste sich das dann ja irgendwie ausbalancieren. Da hatte ich was gesagt! Uijuijui. Ist der über mich hergefallen. Hier, den Riss am Ohr habe ich davongetragen. Ich habe mich aber gewehrt und ihm kräftig mit der der linken und der rechten Pfote eine Schmarre auf die Stirn gezogen. Und dann habe ich die Hinterpfoten in die Vorderpfoten genommen. Direkt vom Bürgersteig der Diskussionen auf den Asphalt.

So bin ich hier gelandet. Auf dem weissen Strassenstrich. Ich habe es gerade so noch geschafft. Beinahe hätte mich so ein rechtsausserrirdisches Movement plattgewalzt. Dem konnte ich gerade noch  entwischen. Die Schwanzspitze hat es allerdings zerrupft. Sie schmerzt noch ein wenig, aber glücklicherweise ist er noch dran. Nur auf den Bürgersteig auf der anderen Seite komme ich jetzt nicht mehr. Dort gurgelt nämlich die neoliberale Kapitalflut, die mich kleine Allerweltskatze glatt absaufen lässt und auch noch dabei zusieht.

Nein, halt, Moment! – gerade ändert es sich! Kommando zurück. Alles umgedreht. Schaut doch: Die Kapitalflut dreht ab und fliesst in die umgekehrte Richtung und – Oh Bastet, Göttin aller Katzen! – die  Bewegung hat ebenfalls kehrt gemacht und marschiert andersherum, Kinder, Kinder! – das darf doch wohl nicht wahr sein. Die werden ja mitten auf der Mitte, am Strich, am weissen Strassenstrich, aufeinanderprallen. Das kann ja heiter werden, wenn die jetzt anfangen darüber zu streiten, wer wohl  rechter oder linker ist oder sozialer, liberaler oder nationaler. Seht ihr, sie schreien schon. Wer erst raus wollte, will jetzt drin bleiben. Wer früher bleiben wollte, will jetzt raus. Was früher alle wollten, will jetzt keiner. Oder doch. Halt, die links wollen doch. – Irrtum. Eben nicht. Missverständnis, brüllen sie, Niemand hätte das gesagt. Überhaupt hätte niemand gesagt, was gesagt worden ist. Und wenn, dann wäre es meinungsmanipulativ genau umgekehrt gewesen. Da kenne sich einer aus. Wahrlich tsiprasistische Zustände auf dem Asphalt aller Nationen. Da kann doch keine Katze mehr orakeln.

Ach Gott, ich weiss es. Möge uns Bastet beschützen. Die Strassenstrich-Fehde wird ihren Lauf nehmen – ach, was sage ich. Es wird eine wahrliche Strassenstrich-Schlacht werden. Und da sitze ich. Mittendrin. Die Katze in der Mausefalle.

Es trifft immer die Kleinen. Katzen.

 

Photo: wiki-commons. Copyright (C) 2000,2001,2002 Free Software Foundation, Inc.51 Franklin St, Fifth Floor, Boston, MA 02110-1301 USA. Everyone is permitted to copy and distribute verbatim copies of this license document, but changing it is not allowed. Artist: Nino Barbieri, April 2006, Un gatto nero.

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s