Verwirrende Lügen oder gelogene Verwirrungen?

9783961458783Prof. Dr. Bisera Suljic-Boskailo hat das Werk von Sead Mahmutefendic “PLACEBO” jetzt erstmals in deutscher Sprache herausgebracht. Ein interessantes Buch.
PLACEBO: Charme und Horror der Lügen
Bei Gojko wusste man nie, ob er schauspielerte, bluffte oder ob er nur ein Verrückter war.
Je mehr ich in dieses Buch hineinlas, umso mehr faszinierte mich diese Verrücktheit, die Gojko bis in die Tiefen auszuloten und auszuleben schien. War er jetzt jemand, der mit den anderen spielte und hatte seinen Spass daran – oder war er selbst eine ganz einsame Person, der es am nötigen Selbstvertrauen und –bewußtsein ebenso mangelte wie an einer klaren Vorstellung vom Leben, und der deshalb von einer Kuriosität in die nächste schlitterte?
Sead Mahmutefendić lebt und arbeitet in Rijeka und Sarajevo und ist ein bekannter kroatisch-bosnischer Dichter, Romancier, Erzähler, Essayist, Publizist und Literaturkritiker. Außer seinen Büchern schrieb er auch für Magazine, Zeitungen und Radiostationen. Gedichte, Prosawerke, Romane und Essays gehören gleichermaßen zu seinem Schaffen. Seine Werke wurden in Russisch, Englisch, Spanisch, Deutsch, Französisch, Italienisch, Niederländisch und Mazedonisch veröffentlicht. Sein Buch „PLACEBO: Charme und Horror der Lügen“ kam in der Übersetzung von Dr. Bisera Boskailo zu mir, um dem deutschen Text noch einen letzten Schliff zu geben, was ich gerne für sie gemacht habe.
Das Buch hat mich vom ersten Moment an gefesselt. Grotesk, satirisch, provokativ. Ein Buch, das man entweder genau deswegen mag – und eben nicht. Prahlerisch erzählt hier Gojko ausgedachte Geschichten als Erinnerungen und Erlebnisse, die nie stattgefunden haben, formt so in surrealen Gesprächen ein Bild von sich selbst, wohl damit er mit sich, seiner Frustration und seiner Einsamkeit auskommen kann. Frau, Kinder, Freunde, Bekannte und Kollegen sind lediglich Statisten in den unterschiedlichen Leben, die Gojko gern gelebt hätte.
Die Sprache ist direkt und drastisch. Sead Mahmutefendić nimmt kein Blatt vor den Mund und lässt das Vornehme wie das Ordinäre und Gewöhnliche sich äußern. Gojko ist nicht zurückhaltend, jedenfalls nicht mit Worten.
Eine andere Welt ist es sicherlich, in die der Leser hier eintaucht. Der Balkan und die Geschichte des ehemaligen Jugoslawien sowie seiner heutigen Provinzen sind uns doch nicht so vertraut. Eine Lücke, die PLACEBO helfen kann zu füllen. Es sind mehr die Gefühle, die das Buch wachruft beim Lesen als die Beschreibungen, die hierzu beitragen. Doch, obwohl die Geschichten viele Orte, Abkürzungen und Bezeichnungen lokaler Einrichtungen verwendet, wird es nicht verwirrend. Ein paar der Begriffe hat die Übersetzerin zum besseren Verständnis erklärt. Alles andere wird so plastisch beschrieben, dass man es sich gut vorstellen kann.
Ich bedanke mich bei Bisera, dass sie mir dieses Werk gegeben hat. Eine schöne Aufgabe, das alte Jahr zu beenden und 2020 zu beginnen.
Ich wünsche dem Buch viel Erfolg – es ist es sicher wert, gelesen zu werden.
 

Foulspieler – Fußball ist ein Mordsgeschäft

FussballDass im Fußball nicht nur die Bälle fliegen, sondern auch die Milliarden, ist hinlänglich bekannt. Es gibt wohl niemanden, der nicht weiß, wieviel die goldenen Beine der Spieler wert sind und für welche horrenden Beträge, die jeglichem ethischen Grundempfinden Schauer über den Rücken jagen, diese untereinander aneinander verscherbelt werden.

Und wenn man sich jetzt noch vorstellt, dass diese Beine gar nicht das spielen, was sie für ihr Geld sollten, sondern nochmal geschmiert werden, damit sie genau eben kein Tor schießen oder ein Eigentor oder aber den Ball an die gegnerische Mannschaft abgeben, dann könnte man sich doch so als samstäglicher Sessel-Torjäger richtiggehend veralbert vorkommen. Oder?

Und genau darum geht es in Manfred Ertels Krimi. Um diese Mafia, die über China, Singapur, Ex-Jugoslawien und anderen versteckten Löchern sind eine goldene Nase daran verdient, Fußballspiele aller Größenordnungen und in allen Ligen kräftigst zu manipulieren. Fiktion? Gaub ich nicht. Dafür kennt sich der Manfred Ertel als ehemaliger Spiegel-Journalist viel zu gut aus. Außerdem hat er den HSV ja nun hautnah erlebt – nach solchen Recherchen und Erfahrungen weiß man mehr als man manchmal wissen möchte. Sicherlich mehr als der Fußballfan, der sich  zu Hause oder im Studio nun beim besten Willen nicht erklären kann, warum der Schiri den Elfmeter gepfiffen hat oder der beste Torjäger im Stall bei diesem Spiel regelrecht Angst vor dem gegnerischen Torwart hat.

Und die, die im Hintergrund die Strippen ziehen, sind keinesfalls kleinlich, wenn es darum geht, Leute zu akquirieren und sie bei der Stange zu halten. Das geht über Erpressung, Drohung an Familienmitglieder, gebrochene Beine bis hin zu Mord, offen ins Gesicht und am hellichten Tag. Schön fand ich, dass Manfred diese Morde wohl geschehen lässt, sie aber nicht bis ins letzte blutige Details ausmalt, sondern das der Fantasie des Lesers überlässt.

Das Buch führt uns an einige Schauplätze Europas, zeigt die Verstrickungen, aber lässt den Leser auch ein wenig erfahren über die Örtlichkeiten der Szenen. Insbesondere der Hamburger Lokalkolorit kommt nicht zu kurz. Wer sich besser in Hamburg auskennt als ich, hat sicherlich alles vor Augen, wo die Romanhelden ihre Erlebnisse haben, sei es ein Abendessen oder der kalte Tod.

Aber es nicht nur ein Buch für Fußballbegeisterte. Auch die, die  weniger auf den Ball, aber mehr auf die Liebe gepolt sind, kommen auf ihre Kosten. Eine zarte Liebesgeschichte zwischen einem deutsch-griechischen Kommissar und einer griechisch-deutschen Staatsanwältin bringt die Liebe zum Glühen zwischen Hamburg und Athen.

Beide Geschichte sind am Ende des Romans noch nicht zu Ende …. aber mehr verrate ich jetzt doch nicht.

Alles in allem:  ein Buch zum Lesen, gemäß dem Motto:  Das Runde(Geschichte) muss in das eckige (Buch).

So und jetzt noch ein paar Daten, damit das Bestellen schneller klappt.

  • Taschenbuch: 380 Seiten
  • Verlag: Koehlers V.-G.; Auflage: 1., (1. Oktober 2018)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 9783782213219
  • ISBN-13: 978-3782213219
  • ASIN: 3782213211

(Foto: – (c) wikipedia/ wiki commons)

Kälte kriecht durch die Zeilen …

001aPatricia Holland Moritz hat sich für ihr neuestes Werk „Der Menschenleser“ eine wahre Begebenheit zum Thema genommen: die Eberswalder Knabenmorde, die der Kochlehrling Erwin Hagedorn 1969 an zwei neunjährigen Schülern verübte. Später kam noch ein dritter hinzu. Holland Moritz‘  Buch verfolgt den Lebenslauf und die Ermittlungen ihres im Buch fiktiv „Joachim Klinger“ genannten pädophilen Blutsadisten bis hin zu seiner Hinrichtung in Leipzig (die von  Erwin Hagedorn war im Übrigens die letzte Hinrichtung in der DDR in den 1970er Jahren).
034-Patricia Holland Moritz-1Der Menschenleser reflektiert auf den Berliner Gerichtspsychiater Hans Szewczyk, in ihrem Buch Paul Semper, der als einziger in der Lage ist, ein Täterprofil  zu erstellen – während sich der restliche Apparatschnik damit beschäftigt, möglichst partei- und staatskonform nichts herausdringen zu lassen, was dem Arbeiter- und Bauernstaat schaden oder die eigene Karriere behindern könnte. Die eigentliche Aufklärung des Falles ist Semper zu verdanken, auch wenn er sich erst spät in die Ermittlungen einschalten darf.

Das Buch ist ein Panoptikum gestörter Beziehungen, Gefühlskälte und dem Nicht-verstehen von Menschen, die sich allein gelassen fühlen in einem Wachsfigurenkabinett der Nachkriegszeit, das die Traumata der Vergangenheit noch lange nicht bewältigt hat.  Mit denen käpft jeder einzelne, Normalität vortäuschend, selbst und für sich allein. Dass Pädophilie und mentale Dysfunktion nicht nur etwas sind, was im sozialistischen Teil Deutschlands, der DDR, möglich war, zeigen die Querverweise zum Füll Jürgen Bartsch, das ähnlich an Kälte und Ablehnung leidende Westdeutsche Pendant, der ebenfalls als Kindermörder in die Kriminalgeschichte einging.

Ich, aufgewachsen in und mit den Hintergrund der BRD, kannte Bartsch aus den Zeitungen, aber ich kannte nicht seine Geschichte. Die Hintergründe und Lebensgeschichte eines Monstres wurden damals öffentlich nicht näher behandelt. Die eines Kindermörders in Eberswalde natürlich auch nicht.

Obwohl manch einer in Grenznähe – so auch wir – Ostfernsehen und den „Schwarzen Kanal“ ab und zu schaute, waren wir doch weit davon entfernt, die  Lebensweise der andern Deutschen, der DDR, verstehen zu können oder auch nur zu wollen. In dieser Hinsicht war das Buch für mich ein Augenöffner. Das „Grau“, das ich als so kennzeichnend fand, als ich kurz nach Grenzöffnung das erste Mal in den Osten fuhr, kommt in diesem Buch greifend zum Ausdruck, berührt die Seele möchte ich fast sagen – und man fragt sich, wieso eigentlich erst jetzt. Wieso habe ich während der letzten dreißig Jahre nicht wenigstens einmal versucht,  die ehemalige DDR und ihre Menschen ein wenig kennenzulernen und zu verstehen. Sind wir Wessis wirklich so arrogant?

Beeindruckend ist die Kälte des Romans, die Trostlosigkeit der Situation an sich und die Hoffnungslosigkeit der Romanfiguren, die beinahe unmerklich aus den Zeilen kriechen, aber noch lange danach den Leser gefangen halten und beschäftigten. Vielleicht gerade weil sie nicht eindrucksvoll beschrieben wurden, sondern einfach als Tatsachen, als Hintergrund fast wortlos  formuliert sind. Sie untermalen jede einzelne der Figuren, ob Kommissar, Eltern der getöteten Kinder oder  Mörder.

Staccato Sätze wie die Eintönigkeit der Plattenbauten, mitunter ganze Passagen. Sprachlosigkeit. Keine großen Beschreibungen. Patricia Holland Moritz erzählt Fakten. Auch emotionale. Wie sie darin diese  den Leser berührende Gefühlswelt untergebracht hat, ist einzigartig. Sie urteilt nicht, sie beschreibt aus der jeweiligen Sicht. Und trotzdem: in all der Kälte sind ihre Akteure Menschen. Und so rufen auch die  Kindermörder  Jürgen Bartsch und Joachim Klinger Verständnis des Lesers, ja sogar Mitleid hervor.

„Zum Überleben bekommt die Hoffnung noch ein Abendbrot“, beschreibt sie das Warten der Eltern auf die Kinder, von denen sie schon längst im tiefsten Innern wissen, dass sie sie nie wiedersehen werden.  Und gleitet die Autorin doch einmal bewusst in das Beschreibende ab, wird der Leser im nächsten Satz schon wieder brachial auf den Boden der  tristen Tatsachen zurückgebracht, versteht, dass sich in diesem Umfeld ein Ausflug in die Schönheit nicht lohnt, weil es in dieser Geschichte keine Schönheit gibt.

Trotzdem habe ich das Buch nicht zuklappen können, nachdem ich einmal anfing zu lesen.  Es fasziniert und der einfache Stil des Schreibens macht die Schwere des Stoffes erträglich. Zurück bleibe  ich nach der letzten Seite mit der Frage:  Können wir als Menschen, als Gesellschaft, so etwas wirklich nicht rechtzeitig erkennen und verhindern? Liegt es daran, dass sich Menschen wie Bartsch und Klinger zu gut verstellen oder liegt es daran, dass wir uns einfach zu wenig um sie kümmern? Uns überhaupt zu wenig umeinander kümmern. Eltern um ihre Kinder. Nachbarn um ihre Nachbarn und Menschen um Menschen. Mich fröstelt…..

FAZIT: Ein Buch, das unter die Haut geht. Spannend, obwohl man die Geschichte selbst mit kurzem Googeln erfahren kann.

Übrigens, von Patricia und ihre Bücher gibt es hier noch mehr Informationen.

Wie im Rausch durch ein Mohnfeld…

IMG_1953„Roter Mohn verblasst nicht – ein bremisch-kretischer Beziehungsroman“ schreibt Wilfried Stüven auf dem Cover seines Buches. Du Untertreiber, du (ich darf ihn duzen, ich kenne ihn nämlich persönlich)! Das ist kein einfacher Beziehungsroman. Das ist ein waschechter Thriller, den Du da hingelegt hast – und zwar auf jeder einzelnen Buchseite.

Wird sie morden? Wird er morden? Wann und wie wird er morden? Oder mordet der, der ermordet werden soll? Vor allem, wann passiert es – und wie … und dann ist doch plötzlich alles ganz anders.

Wilfried Stüven taucht in die Tiefen menschlicher Gefühle. Liebe und Hass, die in beide Richtungen weit ausschlagend auf der Skala der Gefühle die  Protagonisten zu allem bereit werden lassen.  Eine Liebe, die seit über 40 Jahren unerfüllt blüht und ein Hass, der sich ebenso lange daran nährt. Dazwischen liegen Jahre, die für alle Beteiligten verlorene sind.

Ich habe diesen Roman in einem Rutsch durchgelesen – und am nächsten Morgen dafür verschlafen. Mich faszinierten die Charaktere, die einzigartig als Persönlichkeit und doch merkwürdig vertraut sind, denn wer kennt ihn nicht – oder kann ihn sich nicht wenigstens vorstellen – diesen bohrenden Hass und diese Liebe, die auch Jahrzehnte nicht weniger werden lassen. Bei jeder Seite fragt man sich: was hat das Schicksal sich dabei gedacht, diese Personen so grausam gegeneinander auszuspielen?

Eine Urlaubslektüre? Ja – weil sie ist immer spannend zu lesen, auch im Urlaub. Ein typisches Urlaubs-Kreta-Buch: Nein! Obgleich ein  großer Teil davon in Kreta spielt und der Autor auch die Orte es Geschehens plastisch beschreibt, so bedient er sich doch nicht aus der typischen „Urlauber-Trickkiste“ des Schreibers, der Land und Leute, essen und trinken, Traditionen und Gebräuche analysiert und -oftmals- aus deutscher Sicht kommentiert. Der Roman spielt einfach da, wo er stattfindet, und man kann sich das vorstellen. Die Menschen sind einfach Menschen, die dort leben, auf ihre Art und Weise. Alles ist richtig und gut und in dem jeweiligen Moment passend. Gekonnt gemacht. Auch für Kreta- und Bremenfans. Eine Reise mit dem Autor zu diesen Stätten, wie im Vorwort beschrieben und angekündigt, ist es sicherlich wert.

Was mir ebenfalls gefiel, war die Fehlerlosigkeit, was für gutes Lektorat und Korrektorat spricht – heute auch nicht mehr überall eine Selbstverständlichkeit. Der Autor nutzt die breiten Möglichkeiten der deutschen Sprache im Hinblick auf den Gebrauch von Verben und Adjektiven artistisch und nicht übertrieben. Selten findet man nichtssagende Beschreibungen wie „schön, wundervoll, herausragend“ ohne weitere detaillierte Ausführungen oder mit „machen“ oder „tun“ beschiebene Tätigkeiten.

Ein Genuss zu lesen. Danke Wilfried – und… ich bin gespannt auf das nächste Buch!

In Kassel kippt der Herkules vom Sockel

ApokalypseDenn hier findet die Ober-Apokalypse statt, die sich Marie-Christin Spitznagel hat einfallen lassen. Vier Kassler Mädchen aus dem beschaulichen Nordhessen und ein leicht trottliger von der Weiblichkeit verlassener Prophet aus demselben Städtchen werden von ein paar durchgeknallten Engeln und Dämonen für die Apokalypse ausgesucht.

Die Kombination verspricht Spannung und Action – und die Autorin hält das Versprechen. Modern, surreal, knallig, bunt, bizarr, urkomisch – alles das trifft auf diesen Roman zu. Nach einem sehr ausgiebigen Vorstellen der Protagonisten nimmt die Geschichte schnell Fahrt auf – jedes neue Kapitel kommt mit einer neuen Absurdität, mit frech-fröhlich-flüssigen Dialogen, mit Action und ausgefallenen Ideen.
Es wäre viel zu schade, wenn ich hier mehr vom Inhalt verrate – denn ich würde Euch um ein wirkliches Lesevergnügen bringen.

Irgendwann in der Mitte des Buches dachte ich: Ich bin mal gespannt, wie sie diese Verquickung und Verschachtelung auflöst. Lunsen wollte ich auch nicht.  Und ich habe bis zum Ende warten müssen, bis endlich jede Unklarheit beseitigt war. Spannung bis zuletzt. Und dann noch einen Cliffhanger! Gibt es eine Fortsetzung, Marie-Christin?

So modern und ansprechend wie Titel und Layout, ist auch das Buch. Marie-Christin Spitznagels Stil ist einfach. Keine komplizierten Sachverhalte. Keine komplizierten Sätze. Keine komplizierten Ausdrücke. Derb und herb oder rein und fein. Wofür sie sich auch entscheidet, sie macht es mit Konsequenz und passend zum Charakter oder der jeweiligen Situation. Ob es um Liebschaften geht – jawohl, selbst bei anstehender Apokalyse verlieben sich noch Menschen, naja, manchmal auch andere Wesen, von denen man es gar nicht vermutet – oder ob es um einen kräftigen Showdown geht mit Blut, Gewalt und viel Beschwörungen.

In diesem Roman ist alles zu finden. Engel, denen die Glorien abhanden kommen, Höllenfürsten, die sich …. aber jetzt erzähle ich doch schon wieder zuviel.

Selbst lesen ist angeraten!

Marie-Christin ist Selbstpublisher. Kompliment! Ihr findet das Buch daher in den gängigen Internet-Shops. Ich selbst habe bei Amazon geguckt:  Der Link zum Buch

 

 

IPHIGENIE UND BIG PHARMA

opfern-a5Helga Brehr, bekannt unter anderem auch den Freunden des Griechisch-Deutschen Lesefestivals, hat diese Novelle geschrieben und erneut ihrer Liebe zum alten griechischen Drama Ausruck verliehen. Wie wäre es wohl, wenn ein Vater heute seine Tochter auf dem Altar der Pharmakologie opfern soll, wenn der Probant nicht mehr der –für einen eventuell lebenslangen Schaden – schlechtbezahlte Junkie oder Obdachlose um die Ecke ist, sondern das eigene Fleisch und Blut.

Euripides hat das Beispiel von Iphigenie erzählt, Helga Brehrs Heldin heißt Irene, schwer verliebt in einen Marketingchef, dem sie unbedingt ihren Mut und ihre Entschlossenheit beweisen will. Wild und genauso entschlossen versucht die Mutter, die Schandtat, das Opfer am Mittag, zu verhindern.

Mit leisen, aber spannungsvollen Worten erzählt die Autorin die antike Geschichte aus dem Hause der Mykäner neu. In der heutigen Zeit ist der Tempel der Artemis ein Unternehmen für Impfstoffe, geopfert wird für den Krieg mit der Nadel auf dem Altar des skrupellosen Kapitalismus einer Industrie, die in der heutigen Zeit eine der größten und einflußreichsten ist.

Wie in der Antike die Göttin Artemis, so hat auch der Gott der Spritzen ein Einsehen mit der so tapferen Protagonistin. Anders als Euripides, bleibt es bei Helga nicht bei einem Opfer. Sie macht deutlich, dass die Pharma ihren Preis verlangt. Verschont es auch die eigenen Kinder, so siechen doch vier unbekannte Testpersonen vor sich hin. Wie im richtigen Leben. Von daher wurde das antike moralische Dilemma modern industriefreundlich gelöst: es glauben immer welche dran.

Auch diese Novelle, wie schon die vorhergehende „Ödipa“ ist ein leicht zu lesender und zu verstehender Stoff. Die Charaktäre sind herausgearbeitet, erkennbar und lebensecht. Der moralische Konflikt einer, der uns heute alle angeht. Nicht nur, wenn es um Pharma geht, sondern auch bei vielen anderen Themen: wieviel erlauben wir? Ab wann beginnen wir, unsere Kinder auf dem Altar der Wissenschaft und des Kapitals zu opfern… – ein Buch, das zum Nachdenken anregt. Nicht, weil es so intellektuell ist, sondern weil es so lebensnah und emotional ist.

Meine Empfehlung:  lesen! Erhältlich im lokalen Buchhandel oder hier (mit Leseprobe): http://groessenwahn-verlag.de/verlagsprogramm/opfern-am-mittag/

 

Surreal und bizzarr – vom Feinsten – Angriff der Maismenschen

Mais

Der Mais – kurz bevor er zum Maisbaum mutiert. Wirkt er nicht jetzt schon bedrohlichst?

Eine Dystopische Novelle hat man mir auf der letzten Leipziger Buchmesse in die Hand gedrückt. Und für sowas habe ich einen Faible.  „Finger weg von Männern. Die sind gefährlich!“ hat mir der Autor als Widmung ins Buch geschrieben.

Dieser Mais ist wirklich kein Zartgemüse aus der Dose. Puh! Wow! – Abgesehen einmal davon, dass man schnell mitkriegt, dass das Hauptthema des Buches Genmanipulationen an Nutzpflanzen ist, war das erste Drittel doch ganz schön böse … wenn Männern mit Männer und das bacchialisch brutal. Das muss Frog erstmal schlucken.  Aber der Autor hatte ein Einsehen. Nach “Schock und Au” beendet er das erste Kapital mit einem schwarz-weissen Blick ins Maisfeld. In den nächsten Kapiteln geht es dann weniger um die sexuellen Details der Auswüchse dieser genetischen Vergiftung  – deshalb wird es aber nicht minder surreal.

Es kommt, wie es kommen muss. Nachdem die Männlichkeit über Jahre hinaus dem tödlich  wuchernden Trieb der Maismänner keinen Einhalt gebieten kann, treibt es die Damen auf den Plan. Die noch nicht maisgenetisch Befallenen halten diese nunmehr in Reservaten, und ansonsten versuchen sie den PMG63B verseuchten Teil des Planeten wieder in den Griff zu kriegen. Mit Betäubungsgewehren erlegen sie die noch verwendbaren Exemplare männlichen Geschlechtstriebs, und tragen sie aus den Mais-Gefahrenzonen bis …. Bizarr? Es kommt noch besser. Aber das lest dann doch selbst, denn sonst verrate ich zuviel von der Novelle.

Der Einband des Taschenbuches ist etwas seltsam. Vorne drauf schwebt ein nackter Mann auf einem M  in einem hellblauen Strahlenkranz – sieht aus wie ein gefallener Engel von einem Gemälde von Annadazumals – so ganz unmaisisch. Also gekauft hätte ich das Buch mit diesem Cover nicht, ehrlich gesagt. Trotz des Titels, der wiederum ansprechend ist.

Innendrin ist es im lange Längen besser als das was das Cover verspricht. Autor Thomas Pregel schöpft aus dem Vollen seiner Sprachgewalt. Nuancierte Formulierungen, hart wo nötig und fein zurückhaltend wenn erforderlich.  Alles in allem: Ich habe es mit Wonne genossen und in einem Rutsch durchgelesen  –  trotz Umschlags.

  • Taschenbuch: lesenswerte 134 Seiten
  • Verlag: Größenwahn Verlag (1 Mar 2018)
  • Autor: Thomas Pregel
  • Titel: Angriff der Maismenschen
  • ISBN-10: 3957712084
  • Preis: durchaus akzeptable 9,90 Euro