ICH STEH IM REGEN… Das Wetter und andere Kapriolen

001 SchluepferJuli. Griechenland, genauer gesagt, dort wo vor uralten Zeiten Nestor seinen Palast hatte. Genau, das war der, der fast überall dabei war, von Troja bis zur Kalydonischen Jagd.

Erholt von einem energie- und ereignisreichen Ausflug in die Stadt, wo Milch und Honig fliessen (Meligala), stand ich in freudiger Erwartung des Busses Kalamata-Patra an der Nationalstrasse. Der Himmel strahlte, mein Gemüt ebenfalls und alles in allem schien es ein guter Morgen  zu werden. Die Hitzewelle, die in den vergangenen drei Tagen das Land in gedämpfter Sauna umfangen hielt, hatte sich gelegt und ein netter Bergwind strich übers Land, leicht wohlig kühlend.

Plötzlich Tropfen. Kleine versprenkelte, beinahe nicht wahrzunehmen. “Hah,”lacht meine Freundin. “Ein kleines Wunder gefällig? Hier ist es. Der Himmel ist blau und es regnet.” Gut, da hinten am äussersten Horizont ein paar schon leicht angedunkelte Wolken, aber ansonsten strahlte der Himmel mit der Sonne um die Wette. Und schon war auch dieser Mini-Niesel wieder verschwunden.

Es waren wohl noch ungefähr 10 Minuten Wartezeit, als sich der Horizont wie eine dunkle Decke über uns schon. Woher er so plötzlich gekommen war, vermochte keiner zu sagen. Quasi von einer Minute zur nächsten … und was er alles mitbrachte. Der Bergwind streichelte nicht mehr, sondern zog gewaltig an den Hosenbeinen, wirbelte die Haare durcheinander, blies die Jacke vom wartenden Rucksack und knirschte in den Pinien, die uns zuvor noch gnädig Schatten gespendet hatten.

Ein paar grosse Platscher platterten hernieder, noch ein paar und noch ein paar. Schon war der Asphalt dunkel. Ein Blick nach oben, Jacke gegriffen und über den Kopf gezogen, ein Sprung noch tiefer in die Pinien und die Gewalt eines Regensturms ergoss sich blitzend und donnernd über uns. Der Regen kübelte vom Himmel in Tropfen, die  – ich schwöre – die Grösse von Kuhfladen hatten. Ich jedenfalls war innerhalb einer Minute durchgeweicht bis auf die Knochen. Und der Bus war noch immer nicht da.

“Nach Gottseidank erwischt uns der Regen von hinten,” meinte meine Freundin. Ich konnte die Bemerkung nicht komplett einordnen. Nach meinem Ermessen war der Regen von hinten so nass wie von vorne. Und vor allen Dingen gehörte ein solcher Guss keineswegs im Sommer nach Griechenland und schon gar nicht in meine Urlaubszeit.

Irgendwann – man hatte die Hoffnung schon fast aufgegeben -war die Hupe des Busses zu vernehmen, Zurückspringen zum Strassenrand. Winken – nicht dass er vorbeifährt. Der Fahrer öffnet die Vordertür und den Gepäckraum. Schnell den Koffer hineinwerfen und dann ab in den Bus. Zum Verabschieden keine Zeit mehr, ein Tschüss und … ich rufe heute abend an.

Dreissig oder fünfzig Gesichter auf gereckten Hälsen betrachten die eingestiegene nasse Katze mit grinsender Neugier. Gut, dass es uns nicht getroffen hat, ist auf jedem einzelnen zu lesen. Selbst der Fahrer schaut keineswegs ergriffen, als er die zwanzig Euronen kassiert, während er schon wieder anrollt.

“Sie wollen doch nicht etwa sitzen?”, fragte eine Dame ganz und gar nicht mitleidig. Neben ihr ist  frei und sie fühlt schon, wie die Nässe auch zu ihr kriecht.  Nein – ich wollte die nächsten drei  Stunden stehen, dachte ich leise. Es war allerdings wirklich so, dass ich in diesem Zustand schlecht so lange im eisgekühlten Bus sitzen konnte.

Also durchlaufen, dorthin, wo sich der mittlere Einstieg in den Bus befindet. Dort gehen ein paar Stufen von der Stuhlhöhe nach unten. Toilettenräume habe griechische Überlandbusse nicht. Man fragt den Fahrer, wenn man mal muss. Aber die tieferliegenden Stufen bieten vielleicht etwas Sichtschutz beim Umkleiden.

Interessiert schaut ein Mittzwanziger ungeniert, was ich dort wohl vorhabe. Er sitzt dem Eingang genau gegenüber und hat somit direkte Sicht aufs Mittelmeer ohne Alpen. Na gut, junger Mann. Wenn es Ihnen denn Spass macht, einer knackigen 60-jährigen beim Strippen zuzuschauen – so sei Ihnen der Anblick gegönnt.

Glücklicherweise trage ich seit ein paar Jahren auf Grund der zugenommenen Körperfülle vorzugsweise – und gerade im Sommer – Kleider, die Grossraumzelten nicht unähnlich sind. Perfekt für das Umkleiden in einem vollbesetzten Bus. Siehste, junger Mann, und das Umziehen vom Strand her gewöhnt, kann ich das, ohne dass Du einen Blick auf auch nur das kleinste Teil werfen kannst, was nicht zur Zurschaustellung bestimmt ist.

Ich war gerade dabei, zur Seitenwand hingedreht, das Kleid anzuheben, um den Schlüpfer vor dem jugendlichen Blick verborgen nach oben zu ziehen, als der Bus abrupt auf offener Strecke zum Stehen kommt und  die Tür noch vor dem Halt offen schwingt. Draussen steht der Schaffner. Jawohl, in Griechenland habe Busse Schaffner, die irgendwo mitten auf dem Weg hinzusteigen, die Fahrkarten kontrollieren und dann genauso schnell auch wieder aussteigen, um auf den nächsten Bus zu warten und ihre Aufgabe fortzusetzen.

Dieser Schaffner also draussen, ich drinnen. Wir schauen uns an. Ich ihm ins Gesicht. Er mir … ich will es nicht wissen. Jetzt kann ich den Schlüpper auch ganz hochziehen, oder?

Das Schweigen der Bücher: Zensiert!

Leftah2Als bestes Buch erhielt Der letzte Kampf des Kapitän Ni’Mat von Mohamed Leftah den Mamounia-Literatupreis 2011und steht doch gerade in Marokko auf dem Index. Zensiert vom Ministerium für Kommunikation. Was steht in diesem Buch, dass Marokko es nicht lesen soll?

Kurz gesagt, erzählt Mohamed Leftah die Geschichte eines rebellischen Hauptmanns, der die langen Tage nach dem aktiven Dienst zusammen mit seinen ehemaligen Mitstreitern aus Armee-Zeiten im exklusivsten Schwimmclub für reiche aber gelangweilte Rentner verbringt. Er war schon immer von revolutionären Gedanken beseelt, interessierte sich für Literatur, war dem Marxismus/Kommunismus gegenüber nicht verschlossen und kämpfte für die Gleichstellung der Frau in der arabischen Welt. Er schied früh aus dem Militärdienst aus, heiratete und verbrachte seitdem scheinbar glückliche Ehejahre in Kairos Nobelviertel Maadi. Bis eben zu jenen Schimmbadtagen, als  Ni’mat eine nie zuvor dagewesen geglaubte innere Regung entdeckt, das Gefühl der Liebe für den homosexuellen Sex mit einem jungen nubischen Diener. Fatal in der Welt, in der er lebt. Noch fataler, dass er sich am Ende dazu bekennt und seine langjährige Ehefrau verlässt.

Ich habe das Buch, das zuerst in französischer Sprache erschienen ist, in holländisch gelesen – obgleich das nun nicht meine Muttersprache ist und ich dadurch beim Lesen auch so manche Nuance misse, war ich vom Stil und den Beschreibungen Leftahs angetan. Einfühlsam und doch direkt, zögerlich und doch treibend. Selbst als Frau werde ich mitgezogen in diesen Strudel der Gefühle. So fremd sie mir sind, kann ich doch verstehen, wieso Kapitän Ni’Mat tut, wonach ihn sein Sehnen treibt. Ich wünsche es ihm sogar. Ich wünsche ihm, dass ihm mehr Verständnis von Seiten der anderen entgegengebracht wird – und ich leide mit ihm, dass er die verletzt, verletzen muss, die er  aus tiefstem Herzen liebt.

Mohamed Leftah hat durchaus ein Kontroversum mit seinem posthum veröffentlichten Buch geschaffen. Nach seiner Freigabe im Januar 2011 erhieltes eine weitgehend positive Resonanz, trotzdem wurde seine Verbreitung lokal unmöglich gemacht. Die arabischsprachige Zeitung Achourouk sprach Kommunikationsminister Khalid Naciri auf das Geheimnis der Abwesenheit des Leftah Buches in marokkanischen Buchhandlungen an. Seinerzeit lautete die Antwort wohl: „Haben Sie nichts Besseres zu tun? Ich behandle große Angelegenheiten der Nation, keine “tafahate” (Trivia, ed).” (1) Inzwischen wurde vom Ministerium ein Dementi bezüglich Zensuren veröffentlicht, allerdings ohne das Buch Leftahs dabei zu erwähnen. „Die Antwort auf die Nicht-Verbreitung dieses Romans in Marokko ist mit dem Markt zu erklären“, sagt eine „Quelle in der Regierung“. Von vielen Schriftstellern – national wie international – wurde und wird noch heute dazu aufgerufen, dieses Buch vom Index zu nehmen.

Das Buch ist unbedingt lesenswert. Nicht nur, weil es uns einen Einblick in ein Leben in fremden Ländern verschafft, den wir sonst so nie erfahren würden. Nicht nur, weil es zensiert wurde und man damit ja schon fast an verbotenen Früchten nascht. Sondern, weil es ein literarisches Werk ist, das uns, unser Gefühlsleben, unser Verständnis und unseren Verstand bereichert. Bis jetzt ist es das einzige Buch, was ich von Leftah kenne – die anderen sind leider alle nur in französisch zu finden, einer Sprache, der ich nicht mächtig bin. Aber vielleicht kommt da noch was…

Laura-Victoria Skipis hat jedenfalls Der letzte Kampf des Kapitän Ni’Mat jetzt ins Deutsche übersetzt und es kommt am 4. Oktober 2017 auf den Markt. Ich freue mich darauf, es in meiner Muttersprache noch einmal zu lesen.

 

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Mohamed Leftah, geboren 1946 in Settat/Marokko verbrachte die letzten zehn Jahre vor seinem Tod im Jahre 2008 in Ägypten. Er schrieb insgesamt 10 Novellen und arbeitete für den Martin du Sahara und Temps du Maroc. Er schrieb auf französisch.

(1) https://www.yabiladi.com/articles/details/7444/censure-dernier-combat-mohamed-leftah.html – 12/7/2017

Rechts oder Links – das ist hier die Frage

Ich bin eine Katze. Ein schwarze Orakelkatze, um genau zu sein. Rabenschwarz von den Ohrspitzen bis zu den Krallen. Wie bedeutsam ich sein kann, stellt ihr spätestens fest, wenn ich Euch über den Wege laufe. Und zwar quer diametral, im 90 Grad Winkel zu Eurer eigenen Laufrichtigung. Sprich, ich komme entweder von radikal links oder von radikal rechts , und damit kündige ich an, ob Euch in der nächsten Zeit Schlechtes widerfährt oder nicht.
Von rechts nach links, gelingt’s
Von links nach rechts, bringt’s Schlechts.

So sagt der Volksmund. Und schon so manches Persönchen, vor dem ich grienend den Weg kreuzte, schlug sich schnell selbst ein Kreuz vor der Brust, wenn ich von rechts kam. Umgekehrt konnte jemand genauso kätzisch grinsen wie ich, wenn ich ihm von links bedeutete, dass die Zukunft wohl nicht so schwarz aussieht wie ich. Manche warfen mir in solchen Situationen glatt ein Küsschen hinterher.

Und jetzt sitze ich hier, mitten auf der Strasse. Auf dem weissen Mittelstrich. Eine schwarz auf weisse Strichkatze, die sich nicht mehr traut, den Asphalt vollends zu überqueren, weder nach rechts noch nach links.

1280px-A_Black_CatWieso, fragt Ihr? Na, wegen der Tatsache, dass anscheinend heutzutage niemand mehr weiss, was genau rechts und was genau links ist. Noch vor wenigen Jahren – wir Katzen haben zwar neun Leben, aber mehr als so rund um die 14 kommen als Summe doch nicht heraus – also während meiner ersten Lebensjahre war das alles ganz klar. Links war links. Rechts war rechts. Inzwischen ist das ganze dialektisch geworden, hat sich der Relativitätstheorie unterworfen oder ist schlichtweg kafkaesk desinformativ. Da kennt sich keine Katze mehr aus.

Noch vor wenigen Jahren gab es Assoziationspärchen. Also wie zum Beispiel “links ist sozial” oder “rechts ist national”. Stimmt irgendwie nicht mehr. Gar nichts stimmt mehr.

Vorhin habe ich den neoliberalen Kater hier in der Mondscheinalle getroffen, der mir zu meinem grössten Staunen erklärte, dass es linksnational gibt. Meine Vermutung, dass dann wohl rechtsliberal auch nicht abwegig ist, konnte er allerdings nicht bestätigen, meinte aber, das sei sicher relativ. Es käme darauf an, aus welcher Perspektive man es betrachte und es verhielte sich anders, je nachdem, wer es ansehe.  Echt quantenmässig sei das mit dem links und rechts inzwischen, meinte er.  Da hätte es sogar Fälle gegeben, wo etwas gestern ultrarechts gewesen wäre und heute linksradikal. Relativ eben. Ansichtssache und freibleibend nach Charta und Gusto interpretierbar.

Meiner eigenen bescheidenen Meinung nach – und das sagte ich dem organgeroten Neolib auch – müsste sich das dann ja irgendwie ausbalancieren. Da hatte ich was gesagt! Uijuijui. Ist der über mich hergefallen. Hier, den Riss am Ohr habe ich davongetragen. Ich habe mich aber gewehrt und ihm kräftig mit der der linken und der rechten Pfote eine Schmarre auf die Stirn gezogen. Und dann habe ich die Hinterpfoten in die Vorderpfoten genommen. Direkt vom Bürgersteig der Diskussionen auf den Asphalt.

So bin ich hier gelandet. Auf dem weissen Strassenstrich. Ich habe es gerade so noch geschafft. Beinahe hätte mich so ein rechtsausserrirdisches Movement plattgewalzt. Dem konnte ich gerade noch  entwischen. Die Schwanzspitze hat es allerdings zerrupft. Sie schmerzt noch ein wenig, aber glücklicherweise ist er noch dran. Nur auf den Bürgersteig auf der anderen Seite komme ich jetzt nicht mehr. Dort gurgelt nämlich die neoliberale Kapitalflut, die mich kleine Allerweltskatze glatt absaufen lässt und auch noch dabei zusieht.

Nein, halt, Moment! – gerade ändert es sich! Kommando zurück. Alles umgedreht. Schaut doch: Die Kapitalflut dreht ab und fliesst in die umgekehrte Richtung und – Oh Bastet, Göttin aller Katzen! – die  Bewegung hat ebenfalls kehrt gemacht und marschiert andersherum, Kinder, Kinder! – das darf doch wohl nicht wahr sein. Die werden ja mitten auf der Mitte, am Strich, am weissen Strassenstrich, aufeinanderprallen. Das kann ja heiter werden, wenn die jetzt anfangen darüber zu streiten, wer wohl  rechter oder linker ist oder sozialer, liberaler oder nationaler. Seht ihr, sie schreien schon. Wer erst raus wollte, will jetzt drin bleiben. Wer früher bleiben wollte, will jetzt raus. Was früher alle wollten, will jetzt keiner. Oder doch. Halt, die links wollen doch. – Irrtum. Eben nicht. Missverständnis, brüllen sie, Niemand hätte das gesagt. Überhaupt hätte niemand gesagt, was gesagt worden ist. Und wenn, dann wäre es meinungsmanipulativ genau umgekehrt gewesen. Da kenne sich einer aus. Wahrlich Zustände auf dem Asphalt aller Nationen sind das. Da kann doch keine Katze mehr orakeln.

Möge uns Bastet beschützen. Die Strassenstrich-Fehde wird ihren Lauf nehmen – ach, was sage ich. Es wird eine wahrliche Strassenstrich-Schlacht werden. Und da sitze ich. Mittendrin. Die Katze in der Mausefalle.

Es trifft immer die Kleinen. Katzen.

 

Photo: wiki-commons. Copyright (C) 2000,2001,2002 Free Software Foundation, Inc.51 Franklin St, Fifth Floor, Boston, MA 02110-1301 USA. Everyone is permitted to copy and distribute verbatim copies of this license document, but changing it is not allowed. Artist: Nino Barbieri, April 2006, Un gatto nero.

Werden Sie ebenso glücklich und froh …

vougar MärchenSie faszinieren, denn sie erinnern an 1001 Nacht und sind doch anders. Sie werden nicht von Scheherazade erzählt, sondern von Vougar Aslanov, einem Schriftsteller, der sich schon seit langer Zeit dafür einsetzt, sein Land und seine Kultur in Deutschland bekannt zu machen.

Asbaidschan – das Land des Feuers. Im kaspischen Kaukasus, das schon seit Jahrhunderten für seine Öl- und Gasvorräte bekannt ist.  Ehemals Teil der Sowjetunion, denkt man eher an Moskau, wenn man seinen Namen hört und wenig daran, dass dieses Land auf eine Jahrtausende alte Geschichte zurückblickt, bis hinein ins alte Reich der Perser.

Vougar Aslanov hat seine Märchen neu geschrieben – unter Verwendung alter und bestehender Figuren, die in der Volksseele ein lange Tradition haben: Der Schah, der Bettler, der Schlangenkönig, der Wesir, König Alexander der Große – aber auch schöne Frauen, unglückliche Prinzessinnen und lachende Fische. Jedes von Vougars Märchen hat seine ganz eigene Moral, seinen eigenen Humor und seine eigenen Werte. Und alle sind in diesen besonderen Stil gekleidet, der uns orientalisch geheimnisvoll, mit wohlklingender Schönheit tief in uns auf eine ganz besondere Art und Weise berührt.

Egal, ob Vougar märchenhaft die Frage beantwortet, wer denn wohl im Endeffekt das Haus baut oder den wandernden Schah und seine Erlebnisse beschreibt, immer wieder sind es unerwartete Wendungen, die seine Märchen nehmen und dem verblüfften Leser so manche Klugheit vor Augen führen. Märchen, die zum Nachdenken anregen. – Und dann plötzlich ist uns das Thema doch gar nicht mehr so fremd.

Die Zeiten ändern sich, heißt einer der Titel, um am Schluss festzustellen: werden Sie ebenso glücklich und froh, machen Sie sich keine Sorgen, die guten Zeiten kommen immer wieder.

Märchen ändern sich nie – sie sind und bleiben ein Bestandteil der menschlichen Seele und sind nicht nur mit Worten fassbR.  Die wunderbaren Illustrationen von Vyusal Rai, mit denen dieses Buch jede einzelne Geschichte auch noch im Bild dastellt, sind nicht nur ein Genuss für das Auge, sondern helfen uns einzutauchen in die Märchenwelt von Vougar Aslanov, Märchen, die einem leicht ums Herz werden lassen … lesen Sie und werden Sie ebenso glücklich und froh…

 

Griechische Einladung in die Musik – ein Muss für jeden, der Griechenland liebt

Griechische EinladungDie Griechen beschreiben die Geschichte durch ihre Lieder“ hat Kostas Papanastasiou sein Vorwort betitelt, der Grieche aus dem „Akropolis“ aus der Lindenstraße.

Mit etwas Verspätung habe auch ich es erhalten: das Buch über die singenden Klänge aus Hellas. Diesmal war es mein Co-Herausgeber Andreas Deffner, der eingeladen hat. Musik und Musiker, musikalische Erfahrungen, Tanz, Rembetiko, Bouzoukia, aber auch mythische Geschichten, die von der Musik der Antike erzählen, sind Inhalt dieser Anthologie.

Musik ist für die Griechen nicht einfach nur Musik. Sie ist das Lebenselexier, welches sie brauchen, um zu überleben“, schreibt Maria in ihrem Beitrag. Ganz vorne im Buch. Und just die richtige Einleitung. Genauso habe auch ich es gefühlt während meiner Jahre, die ich in diesem wunderbaren Land verbringen durfte.

Fans der „Griechischen Einladung“ und anderer Anthologien und Bücher aus dem Größenwahn Verlag werden so einige der AutorInnen wiedererkennen. Irma hat wieder einen Gedicht zugesteuert, Steffen lässt die Antike und die Lyra wiederauferstehen. Musiker wie Felix Leopold haben ihre Gedanken beigetragen und auf Seite 39 rappt Greckoe. Melitta beantwortet die Frage, ob es auch klassische Musik in Griechenland gibt – also außer dem, was noch aus der griechischen Antike bekannt ist. Und viele andere beschreiben ihre eigenen Erfahrungen mit Tanz und Bouzouki von ihren Reisen von und nach Griechenland.

Es ist ein kurzweiliges Buch geworden und lebt von den unterschiedlichen Stilen der einzelnen Autoren, von ihren humorvollen Einsichten, von der Leidenschaft, mit der sie über diesen wichtigen Teil griechischer Kultur berichten und nicht zuletzt von der Liebe, die sie diesem Land entgegenbringen.

Apropos Liebe. Die geht auch in Griechenland durch den Magen. Und zu jeder griechischen Einladung gehört auch das Zusammensein bei Wein und griechischen Spezialitäten. Und die hat diesmal die preisgekrönte Fernseh-Kochexpertin Maria Laftidis-Krüger zusammengestellt, der wir auch die einleitende Geschichte verdanken. Deshalb gibt es in dieser Ausgabe der „Griechischen Einladung“ auch ganz spezielle griechische Rezepte, von den „Käsefrikadellchen“  bis hin zur byzantinischen „Palastsuppe“.

Also auf, fröhlich gestärkt und dann zu den Klängen hellenischer Musik das rote Taschentuch gezückt. In diesem Sinne … bis zur nächsten „Griechischen Einladung“. Wenn mich nicht alles täuscht, macht die einen Ausflug in die Götterwelt.

Harald Gröhlers “Inside Intelligence“ oder Die Entmystifizierung von James Bond

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Was habe ich die Filme mit Begeisterung gesehen. Der Geheimagent: strahlend, schön, männlich, umwerfend und zwischen küssen, schwimmen, am Strand lümmeln, im Kasino spielen und sich amüsieren so nebenbei auch ständig dabei, die Welt zu retten. Und das an den schönsten und ungewöhnlichsten Plätzen auf der Welt.

Harald Gröhlers Buch hingegen spielt in Pullach – nicht gerade der Nabel der Welt. Gäbe es nicht ein paar Hügelgräber in der Nähe und den Bundesnachrichtendienst. Und der ist auch nicht in einem umwerfenden Gebäude im zwanzigsten Stock unter der Erde untergebracht, sondern in einer ehemaligen Parteiwohnsiedlung der Nazis, erbaut für kinderreiche Stabsangehörige. – Und wumm! Da hatte die James-Bond Verehrerin in mir ganz gehörig einen auf den Deckel bekommen.

Das Buch von Harald hat es in sich. „Organisation Gehlen“ nannte sich der BND in seinen gänzlichen Anfängen. Und dieser Gehlen hatte so gar nichts von einem James Bond. Im Krieg nicht richtig zum Zug gekommen (weder mit noch gegen die Nazis), verstand es der opportunistische Wicht (gross und strahlend schön muss er wohl auch nicht gewesen sein), sich nach dem Krieg bei den Amis lieb Kind zu machen und erhielt so die Erlaubnis, Briefe über Kaffeedampf zu öffnen, sofern er die Ergebnisse auch ordentlich über den Teich funkte.

Wer das Buch liest, kann sich auch des Eindrucks nicht erwehren, dass der gute Onkel Reinhard samt seiner Truppe einer gewissen Paranoia nicht entkam. Man wohnte und lebte nebeneinander in derselben Siedlung, war aber angehalten, sich mit Decknamen anzusprechen. Jedermann spann seine eigenen kleinen Intrigen, während Gehlen die Fäden spann, um sich selbst auf der Position und am Leben zu erhalten.

Ganz schön desillusionierend, so ein deutscher Geheimdienst. Sogar den Agenten der DDR hat man jahrelang für sich arbeiten lassen, ohne ihn zu entdecken. Die einzige, die früh Verdacht schöpfte, war Uschi, und die nahm man nicht für voll.

Markant beschreibt Gröhler die Begegnungen zwischen Adenauer und Gehlen, die sich gegenseitig wohl nicht ausgesprochen mochten, aber ertrugen, so lange sie sich brauchten. Das Verhältnis zwischen Franz Josef Strauss und dem deutschen Geheimdienstchef war da schon heftiger, mehr bayrisch herzlich.  Der Ur-Bajuwar war dem „Nochrichtmann“ alles andere als freundlich gesinnt. Kein Wunder, denn der bayrische Stiernacken hatte auch nicht nur saubere Stecken. Übrigens erfahren wir im Buch auch, dass dem Franz der Mittelname Josef wohl nicht von Geburt anhing, sondern erst angenommen wurde, als der Metzgerssohn zu dem Schluss kam, dass ihn der „Josef“ in Anlehnung an einen Monarchen gewichtiger kleidete, „dass Franz einfach den klassisch Schillerschen Satz, Franz heisst die Canaille, scheute“, wie Gröhler es ausdrückte.

Während das Buch im Detail die Anfangsjahre des BND beschreibt, so sind doch immer wieder interessante Exkurse zu finden, die Gladio, den CIA, die Mossad, den KGB und andere unter dem Deckmantel operierende Organisationen mit einbinden. Natürlich gibt es auch ein paar Informationen über Snowdon und das letztjährige Geplänkel des gegenseitigen Abhörens der NATO-Partner. Jedenfalls lässt Gröhlers Beschreibung vermuten, dass Merkel derzeit das einzige Telefon hat, was nicht vom NSA abgehört und gespeichert wird.  Im wesentlichen eigentlich nichts Neues – aber Gröhler beschreibt es so herrlich.

Überhaupt, Gröhlers leicht zynisch-satirischer Stil, mit dem er wichtige Informationen galant in den Text streut, sind eine Wonne für sich: „BND und Mossad kooperierten hier zwar erkennbar noch nicht miteinander, aber sie fraternisierten doch beide mit demselben Dritten, eben dem IIS. Ab 1991 wurde dann, anhand von illegalen Waffenlieferungen, spektakulär deutlich, dass sie auch gut miteinander kooperierten.“ Alles in allem ein Stil, der einen trotz des sehr trockenen Stoffes immer wieder schmunzeln lässt und das Lesen angenehm macht.

Wie der Autor im Prolog schreibt, beruht das Buch auf Tatsachen.  Ausser den 62 Quellen im Anhang, baut es „… auf Dutzenden Gesprächen auf, der der Autor Harald Gröhler mit Uschi Mauve führen konnte, die 15 Jahre lang zu Reinhard Gehlen persönlich Zugang hatte…“ Das macht es jetzt für mich als Bond-Verehrerin natürlich nicht einfacher. Aber Wahrheit ist nun mal Wahrheit. Auch im Agentenhimmel wird nur mit Wasser gekocht. Wie im richtigen Leben.

Mein persönliches Fazit: Stil gut. Stoff gut. Inhalt gut. Buch gut.

Inside Intelligence – der BND und das Netz der grossen westlichen Geheimdienste von  Harald Gröhler, erschienen im Verlag Neuer Weg, Dezember 2015.

Lesenswert: Mutter, was hast du mir verschwiegen?

aaEs gibt sie in jeder Familie: diese Geheimnisse, über die niemand spricht. Diese Momente, wenn sich das Gegenüber abwendet oder weniger gekonnt das Thema wechselt, weil „man darüber nicht spricht“. Zurück bleibt mitunter mehr als nur die unbeantwortete Frage. Zurück bleiben auch die unbeantworteten Gefühle des Fragenden.

Diese Problematik hat Helga Brehr wunderbar in ihrem Buch zum Leben erweckt. Stefanie, erfolgreiche Managerin in den 80er Jahren, will eigentlich nur mal sehen, wo sie denn gezeugt wurde. Nicht geboren, sondern gezeugt. An den richtigen Ursprungs ihre Seins geht sie zurück. Das soll Sinnbild für den gesamten Roman werden.

Denn das Örtchen in der Heide, von dem ihre Eltern wegzogen noch bevor sie geboren war, ist nur die erste Station auf Stefanies Reise. Im Verlauf der Geschichte wird sie noch vor vielen Häusern stehen, ihre eigenen Erinnerungen bearbeiten, ihre Eltern anrufen und Fragen stellen. Fragen, die auch nach dreissig Jahren nicht beantwortet werden. Wieder bleibt Stefanie allein mit ihnen.

Und doch gelingt es ihr, die Geschichte langsam aufzurollen. Anhand von einzelnen Worten, Gegebenheiten, die sie selbst kombiniert, Gesprächen, die ihr aus Kindheit und Jugendtagen wieder einfallen.

Eltern sowie Grosseltern gehörten zu Kriegesgenerationen. Die Grosseltern hatten beide Weltkriege erlebt und die Eltern den zweiten. Onkel gefallen oder verschwunden. Kinder gestorben. Familien zerbrochen und nur noch Hüllen eines gespielten Zusammenlebens. Darin wird Stefanie gross. Wen wundert es, dass sie – obwohl erfolgreich im Beruf – im Zusammenleben mit Mann und Geliebtem keine Erfüllung finden kann. Wie schwer ist es doch Gefühle zu lernen, wenn man keinen Lehrer dafür hatte.

Bewältigt Stefanie letztendlich ihr Gefühlsleben. Ich verrate mal soviel: ja, tut sie. Aber wie, das dürft ihr selbst lesen.

Helga Brehr hat diesen Roman bei BoD selbst verlegt. Gemeinhin bleiben Self-Publisher-Bücher innerhalb einer gewissen Fangemeinde. Das wäre für diesen Roman sehr schade. Er liest sich flüssig, geht sehr in die Tiefe und ist mitreissend geschrieben. Ich jedenfalls habe mitgefiebert, was Stefanie so alles herausfindet. Und wenn ich Bücher bis tief in die Nacht lese und innerhalb von ein paar Tagen durchgelesen habe, heisst das schon etwas. Für mich jedenfalls.

Sehr positiv fand ich im Gegensatz zu Verlagswerken, dass es endlich einmal eine Schriftgrösse war, die sich angenehm lesen liess – auch ohne Mikroskop. Leider hat BoD Schwierigkeiten mit der Druckqualität, so dass immer wieder mal Seitenhälften hellschwarz gedruckt sind. Ein Manko, das allerdings der Geschichte selbst keinen Abbruch tut. Vielleicht lernt BoD ja auch noch so gut zu drucken wie Helga schreibt.

Mir hat Stefanie gefallen. Die Frau, die sich selbst aus der Gefühlskälte zieht. Bernd Hellinger hätte sich ganz besonders über das Ende gefreut.

Aber mehr verrate ich jetzt wirklich nicht.

Danke Helga, dass Du dieses Buch mitgebracht hast zum 4. Griechisch-Deutschen Lesefestival nach Berlin und ich somit Gelegenheit hatte, es zu entdecken.